Ohio so far

Hier in Ohio werde ich in vier verschiedene Gastfamilien sein, ungefähr alle 3 Wochen muss ich mich an eine neue Familie gewöhnen, an den Alltag anpassen und meine Lebensgeschichte erneut erzählen. Auf der anderen Seite heißt das aber auch viele neue Erlebnisse und Eindrücke zu bekommen und die Chance zu haben neue Freundschaften zu schließen. Jede Familie versucht die Zeit mit mir zusammen mit möglichst vielen spannenden Dingen zu füllen, mir Sehenswürdigkeiten zu zeigen oder mich zu den vermeintlich leckersten Burgerbuden, Cupcake oder Icecream Läden auszuführen – da kann auf die Schlanke Linie keine Rücksicht mehr genommen werden ;-).

Meine erste Gastfamilie wohnt in Vermillion, Ohio. Das ist eine kleine Touristenstadt direkt am Südufer des Lake Erie, das Nordufer grenzt an Kanada. Er gehört zu den „Great Lakes“ das sind fünf zusammenhängende Seen in den USA und Kanada, der Größte davon ist Lake Superior, dieser ist übrigens auch der flächenmäßig Größte Süßwassersee der Welt mit 821.000 km2. Lake Erie ist mit ca. 250.000 km2 „nur“ der viertgrößte der fünf Großen Seen. Zum Vergleich, der Bodensee hat ca. 500 km2, das Steinhudermeer nur ca. 30km2 Fläche. Das ist also unvorstellbar groß, der See sieht auch nicht aus wie ein See, sondern wie das Meer, mit hohen Wellen, Sandstrand, großen Schiffen und ziemlich klarem Wasser. Anfang Oktober hatten wir nahezu 30°C, da habe ich mich sogar ins Wasser getraut – im Oktober, wie cool ist das denn?!

Meine Gastmutter ist gelernte Hebamme, arbeitet aber in einem College als Nurse Practitioner, das ist quasi eine Mischung aus Krankenschwester und Arzt. Sie liebt es Staub zu saugen oder Wein zu trinken (kann man übrigens auch super kombinieren). Einen Abend waren wir auf einer Wein-Chocolate-Party, ich habe mich gnadenlos überfressen. Mein Gastvater ist Police Officer mit der Spezialisierung zum Wildlife Ranger. Er patrouilliert überwiegend in State- und Metroparks, kennt sich bestens mit Pflanzen und Tieren aus und liebt es Jagen oder Fischen zu gehen. An meinem ersten Tag in Ohio fuhren wir zur Police Akademie um die jungen Police Officer beim Schießtraining etwas aufzumischen. Nachdem ich das erste Mal eine Shotgun abgefeuert hatte, die halb so groß war ich selbst, hatte ich schon fast die Nase voll. Die Ausbilder liefen aber gerade erst warm und hatten die größte Freunde mir die Funktion der unterschiedlichsten Waffen beizubringen und sie mir danach mit einem dicken Grinsen in die Hand zu drücken. Als ich begann die ungeheure Lautstärke und den ziemlichen Rückstoß der Waffen zu ignorieren und vor allem die ersten Lobe ergatterte wie gut ich denn zielen könnte fand ich auch meine Freunde am schießen. Übrigens ist es hier in der USA im Grundgesetzt verankert, dass jeder Amerikaner das Recht hat eine Waffe zu besitzen um sich selbst zu verteidigen. Und wenn man in fast jedem beliebigen Einkaufladen z.B. Walmart eine riesige Kollektion der verschiedensten Waffen und Munition begutachten kann, kommt es einem echt so vor als wäre das alles „not a big deal“. Beim Kauf muss man lediglich seine ID Card vorlegen, dann durchläuft man einen kurzen „Tauglichkeitscheck“ im Police System, ob man schon mal negativ im Gebrauch von Waffen aufgefallen ist und Zehn Tage später darf man seine Waffe nach Hause tragen. Vollautomatische Waffen sind allerdings dem Militär vorbehalten. Einen anderen Tag gingen wir „duck hunting“, morgens um fünf tapsten wir in voller Camouflage Montur durch ein Sumpfgebiet, damit wir bei Sonnenaufgang mucks Mäuschen Still ein paar Enten schießen konnten. Der Plan ging allerdings nicht auf, wir saßen lediglich fünf Stunden in ein und derselben Position im Schilf und ließen und von Moskitos zerstechen – Enten haben wir nicht gesehen. Als wir die Woche drauf zum „Deer hunting“ gingen war ich mir sicher es könnte nur besser werden, immerhin hatte mein Gastvater ein paar Campingstühle und ein Camouflage Zelt ins Auto gepackt. Dieses Mal saßen wir ca. fünf Stunden im Wald und warteten auf einen Hirsch der nicht kam. Ich trank Kaffee und aß Mandarinen im Wechsel, mein Gastvater kaute lautstark Cracker oder Hustete, dass es einem fast leidtat. Als ich am Ende meinte, wir wären die schlechtesten Hunter ever, lachte er nur und sagte, er könne gar nicht verstehen wieso die Hirsche den Geruch von frischem Kaffee und Mandarinen nicht mögen ;-). Die zwei kleinen, acht und zehn Jahre alten Töchter verehrten mich als große Schwester, der 13-Jährige pubertierende Sohn wusste meine Anwesenheit nicht ganz so zu schätzen und kam nur zum Essen aus seinem Zimmer ;-).

 

Die Zeit danach verbrachte ich in einer Familie in der Nähe von Lima, im Nordwesten von Ohio. Da meine Gastmutter ziemlich verrückte Arbeitszeiten in einem Art Baumarkt hatte verbrachte ich hier die meiste Zeit mit den Großeltern oder der 90-Jährigen Urgroßmutter. Diese war für ihr Alter echt witzig und fit. Einen Nachmittag verbrachte ich während der Maisernte auf einem Mähdrescher, dort machte ich so einen verantwortungsvollen Eindruck das sie mich sogar ans Steuer ließen. Nach mir krabbelte die Uroma auf den Mähdrescher und fuhr mit dem dicksten Grinsen das Feld rauf und runter. Einen anderen Tag besuchten wir den Cousin meiner Gastmutter. Er und sein Sohn besitzen zwei nagelneue, riesige Mastställe mit jeweils 2400 Schweinen. Die Schweine kommen mit ca. 20kg und werden nach drei bis vier Monaten mit ca. 140 kg an einen Schlachter verkauft. Jede Stunde werden die Schweine automatisch über eine Fütterungsanlage gefüttert, diese kann bequem mit dem Handy von zu Hause bedient werden, genauso wie die Klimaanlage oder Heizung für den Stall. Da Schweine ziemlich anfällig für jegliche Krankheiten sind, kontrolliert nur einmal am Tag eine Person den Stall persönlich, diese muss zuvor eine „Hygieneschleuse“ passieren (duschen, Kleidung/ Schuhe wechseln). Das Futter besteht hier aus drei verschiedenen Teilen. 1. Trockenfutter (Mais, Cookies, Hundefutter..), 2. Nassfutter (Sirup..)  und 3. Wasser. Ja ich habe auch meine Stirn gerunzelt und lieber nochmal nachgefragt ;-). Nicht weit entfernt vom Stall befindet sich eine „Futter-Recycling-Anlage“, hier können Fabriken aller Art Lebensmittel loswerden, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht im normalen Supermarkt verkauft werden können. Ich sah dort Cookies, Kaugummi, Skittles, Hundefutter, Paniermehl, Bonbons, Zuckersirup … einfach alles. Die Lebensmittel werden geschreddert und gemixt und letztendlich an die Schweine verfüttert. Die Fabriken sparen die Kosten der Abfallentsorung, die Bauern die Kosten der Futterbeschaffung – also eine Goldgrube wie ich finde!

Die zwei zehn und 15 Jahre alten Söhne zeigten mir die Middle- und Heigh School, dort erzählte ich in verschiedenen Klassen ein wenig über Deutschland. Die Schüler verdrehten die Augen als ich ein paar der größten Unterschiede zwischen den USA und Deutschland, die ich bisher festgestellt hatte, erzählte. Das College/ Uni in den USA kostet pro Semester 7000 € oder mehr, in Deutschland gerademal -+ 500 €. Benzin wird einen hier in den USA quasi hinterhergeschmissen, für ein Gallon bezahlt man ca. 2 € (1 Gallon = 3,8 Liter). Der Führerschein kostet ca. 20 Euro und Kids die mitten im Nirgendwo wohnen können mit 14 Jahren alleine mit dem Auto zu Schule fahren. Mit den Großeltern wanderte ich durch den Hocking Hills State Park südlich von Columbus. Dort sahen wir Wasserfälle, riesige Felsklippen und Sandsteinhöhlen. Wir begutachteten den größten Kürbis (ca. 800kg) auf dem Pumpkin Festival, aßen Pumpkin Pie und tranken Pumpkin Cafe Latte. Ihr müsst wissen, in dieser Jahreszeit dreht sich alles um „Pumpkin Spice“ in Amerika. Wir besuchten das Neil Armstrong Air & Space Museum (der erste Mensch auf dem Mond kommt nämlich aus Ohio) oder betrachteten historische „Canal Boots“ auf dem „Miami and Erie Canal“. Die Kanalboote war die Erste Art von öffentlichen Transportmittel um 1845. Die damaligen Boote wurden von Pferden oder Maultieren durchs Wasser gezogen. Der Miami and Erie Canal mündet in den Ohio River, dieser in den Mississippi River, so war es möglich relativ bequem im Osten der USA von Norden nach Süden zu gelangen. Mit dem Großvater hier hatte ich am meisten Spaß, er ist ein richtiges Unikat, lange schwarze Haare, Fliegersonnenbrille, braun gebrannt, Federohrring auf einer Seite, Fleecekarohemd. Am ersten Abend hier kam er mit vier verschiedenen Flaschen „Moonshine“ (selbstgebrannter Schnaps), die ich durchprobieren sollte. Er fuhr mit mir Kajak oder zur „Range“ um mir ein weiteres Schießtraining zu verpassen. Wir sind hier ja in den USA, da ist es das normalste der Welt ein Maschinengewehr aus dem Keller zu holen. Nachdem ich mich gar nicht so blöd anstellte, die 45m entfernte Zielscheibe im mittigen Bereich zu treffen, fühlte ich mich fast wie ein American Sniper ;-).

 

Meine dritte Gastfamilie wohnt in Shaker Heights, einem Randbezirk von Cleveland. Hier fährt sogar eine Straßenbahn und es gibt Busse, public transportation ist hier in den USA echt was ganz Besonderes, wir wissen unser gut ausgebautes Bus- und Bahnnetz in Deutschland gar nicht so sehr zu schätzen! Meine Gastmutter ist 53 Jahre und pensionierte Streetworkerin, ich weiß auch nicht, wie die Amis es immer schaffen so früh in Rente zu gehen, aber sie ist nicht die erste Rentnerin in diesem Alter die ich getroffen habe. Ab und zu fährt sie Patrouille für das Police Department oder arbeitet in der Schokoladenfabrik ihres Neffen. So kam es, dass ich eines nachts mit einem Policeofficer die Straßen unsicher machte – oder in diesem Fall, sicher machte. Hier in der USA dauert die Ausbildung an der Police Academie nur ca. 4,5 Monate, danach verbringt man noch ein Praxisjahr, als Zweiter im Streifenwagen. Im Normalfall befindet sich hier nur ein Officer im Auto, in Deutschland ist es also eher Luxus einen Kollegen dabei zu haben. In der Schokoladenfabrik probierte ich mich durch die gesamte Kollektion, das heißt schokoladenüberzogene Pringles oder Oreokekse, saltet Caramel und jegliche Peanutbuttervariationen – das Paradies für mich ;-). Eines Abends fragte mich meine Gastmutter ob ich Interesse daran hätte die Niagara Fälle zu sehen. Ich grinste von Ohr zu Ohr und antwortete „that would be so awesome!“ Den nächsten Tag fuhren wir fast fünf Stunden zu den Niagara Fällen – quasi ein Katzensprung für Amis, wie ihr ja mittlerweile wisst ;-). Die Niagara Fälle sind genauer gesagt zwei nahe beieinanderliegende Wasserfälle. Die American Falls liegen vollständig in Amerika, durch die Horseshoe Falls (Hufeisenform) verläuft die Grenze zwischen den USA und Kanada. Steht man auf der amerikanischen Seite blickt man die Wasserfälle herunter, man steht quasi hinter den Wasserfällen. Von der kanadischen Seite aus hat man den besseren Blick in die Wasserfälle hinein, man steht quasi davor – macht das Sinn ???? Der Niagara River verbindet den Lake Erie mit dem Lake Ontario (gehören beide zu den Great Lakes), von dort aus fließt das Wasser über den Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantischen Ozean. Die Great Lakes sind einer der wichtigsten Parts der Wasserversorgung von den USA und Kanada. Nachts ist die Wassermenge der Niagarafälle um mehr als die Hälfte gedrosselt. Ein großer Teil des Niagara Rivers wird zur Stromerzeugung, zu einem Staudam umgeleitet. Die Wasserfälle sind echt gewaltig und die hinabstürzenden Wassermengen ziemlich laut. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit ist immer ein Regenbogen zu sehen, nachts werden die Wasserfälle mit Scheinwerfern in den unterschiedlichsten Farben beleuchtet.

Cleveland hat ungefähr so viele Einwohner wie Hannover und ist die zweitgrößte Stadt in Ohio. Hier dreht sich alles um Sport wie ich von meinem 16 Jährigen Gastbruder gelernt habe. Die Cleveland Indians hätten dieses Jahr um ein Haar die World Series (Baseball Finale) geworden. Die Cleveland Cavaliers haben den wohl besten Basketballspieler der Welt, Lebron James. Die Info habe ich aber von einem ausschließlich made by Lebron-Klamotten tragenden und sonst nur Pokemon spielenden pubertierenden Halbstarken ;-).

Dann waren da noch die Wahlen des neuen Präsidenten der USA, die historisch waren wie wir alle wissen. Die Tage vor, als auch nach der Wahl gab es kein anderes Thema. Nachdem das Ergebnis feststand, war meine Gastmutter so geschockt, dass ich einen Tag lang nichts mit ihr anfangen konnte. Mein Gastbruder, der zur Hälfte African-American ist, fragte seinen Vater ob er jetzt Angst haben müsste. Ohio gehört zu den Swing States der USA, das bedeutet, dass der Anteil von Republikanern und Demokraten nahezu gleich ist und somit kein Wahlausgang vorauszusagen ist. Ohio hat 18 Stimmen im Electoral College, Nebraska z.B. nur 5. Wie viele Stimmen ein Staat hat, hängt von der jeweiligen Population ab. Der Präsidentschaftskandidat muss mindestens 270 Stimmen vom Electoral College bekommen um Präsident werden zu können. Auf der anderen Seite gibt es die „Popular Votes“ darunter versteht man die Stimme der einzelnen Bürger der USA. Jetzt wissen wir, wie es sein kann, dass Clinton die Wahl verloren hat, obwohl sie mehr Popular Votes hatte. Allgemein kann man sagen, dass die Ost- und Westküste und die größeren Städte eher Demokraten sind. Im mittleren Westen und in den wenig besiedelten Gegenden findet man häufiger Republikaner. Eine der Hauptursachen, wieso so viele Amis Clinton nicht wählten ist meiner Meinung nach die „Angst“ vor einer Erneuerung der Waffenrechte – die Amis LIEBEN ihre Waffen. Ich bin ganz froh, während der Wahl in dieser Gastfamilie gewesen zu sein. Mein Gastvater ist African-American und wusste echt ALLES zum Thema Geschichte und Politik in den USA, er hat mir oft andere Blickwinkel zu verschiedensten Dingen geben. Außerdem konnte ich oft einer Meinung mit meiner Gastfamilie sein, das ersparte mir einige innere Aggressionen. Übrigens habe ich mich hier in den Straßen von Cleveland das erste Mal wirklich ausländisch gefühlt – laut Wikipedia leben hier nur ca. 37% „Weiße“, der Rest ist verschiedener, anderer Abstammung. Immer wieder fällt mir auf, in was vielfältiger Hinsicht, jeder Teil der USA unterschiedlich ist. Im Dezember reise ich für eine Woche in den tiefen Süden der USA, auf diese Zeit freue ich mich schon ganz besonders, den Teil des Landes habe ich nämlich noch nicht gesehen ;-).

 

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